CFMOTO Adventure Tour

Strahlender Sonnenschein hieß uns in Lhasa willkommen. Den Vormittag verbrachten wir im Potala-Palast, wo wir voller Ehrfurcht die alten Gänge und goldenen Stupas bewunderten. Wir wärmten uns mit Yakbuttertee auf und machten uns dann auf den Weg zum Nachmittagsbriefing. Die Routenkarte – ein wunderschönes, handgemaltes Aquarell – wurde enthüllt, und kurz darauf wurden uns die Motorradschlüssel ausgehändigt. Die ersten Motorengeräusche erfüllten den Innenhof. Beim gemeinsamen Abendessen bei Hotpot und Gelächter brach dann entgültig das Eis. Tag eins: Die Lungen gewöhnen sich noch an die Höhe, doch mit unseren Herzen sind schon auf der Straße.
Wir brachen von Lhasa aus in Richtung Shannan auf. Der morgendliche Anstieg führte uns hinauf zum Milha-Pass, der über 5.000 Meter über dem Meeresspiegel liegt – dünne Luft, atemberaubende Ausblicke und ein Gefühl des Triumphs auf dem Gipfel. Dann kam der wahre Genuss: Wir schlängelten uns durch kurvenreiche Talstraßen und legten uns Kurve für Kurve in den Wind. Pures Fahrvergnügen.
Von Shannan nach Shigatse, entlang des Yarlung Tsangpo, erblickten wir den saphirblauen Yamdrok-See – sein Blau fast zu schön, um wahr zu sein. Dann folgte der schneebedeckte Karola-Gletscher, der wie ein silberner Riese glitzerte. Unterwegs streiften Yaks über die Ebenen, und tibetische Antilopen huschten in der Ferne vorbei. Atemberaubend. Jede Meile.
Wir verließen Shigatse bei Sonnenaufgang und schon erschienen 300 Kilometer Asphaltstraße vor uns wie ein graues Band, das sich in den Himmel schlängelt. Die berühmte Nationalstraße G318 führte uns dann nach Westen – vorbei an Nomadenzelten, vereinzelten Yaks und Gebetsfahnen, die vor dem endlos blauen Himmel flatterten. Der Tsola-Pass empfing uns mit beißendem Wind und einem Panorama, das uns den Atem raubte – diesmal nicht wegen der Höhe, sondern wegen der schieren Weite der Landschaft. Und dnn kam die eigentliche Bewährungsprobe: 108 Haarnadelkurven schlängelten sich den Gyawu La hinauf, wobei jede Kurve einen höheren Ausschnitt des Himalaya enthüllte. Wir konnten nicht widerstehen. Wir bogen auf den Feldweg ab, der uns abseits der Straße zum Gipfel führte, während die Motoren in der Stille brummten. Und da standen sie auf einmal – die gesamte Himalaya-Kette breitete sich vor unseren Augenaus. Jeder Gipfel war wolkenfrei, fast so, als hätte der Himmel seine Vorhänge nur für uns geöffnet. Everest, Lhotse, Makalu – Namen, die einst nur auf Landkarten existierten, brannten sich nun in unsere Netzhäute ein. Bei Einbruch der Dämmerung rollten wir in Everest Town ein, Staub auf unseren Gesichtern, ein Grinsen darunter. 300 Kilometer, ein Pass, 108 Kurven und eine Gebirgskette, die sich endlich entschlossen hatte, sich zu zeigen. Das Glück, so scheint es, kommt zu jenen, die auf dem Motorrad unterwegs sind. Tag vier: müde Beine, aber das Stimmungsniveau höher als die Gipfel des Himalaya selbst.
Wir tauschten unsere Motorräder gegen Shuttlebusse und machten uns auf den Weg zum Everest-Basislager. Der Himmel war grau und die Wolken schienen sich zuerst nicht zu lichten. Wir warteten. Und warteten. Gebetsfahnen flatterten in der Kälte. Die Hoffnung schwand. Aber dann – ein Spalt in den Wolken. Die allerhöchste Spitze des Everest kam zum Vorschein, scharf und unvorstellbar hoch. Jubel kam auf. Nur ein Gipfel, nur ein Augenblick. Doch als wir vor dem höchsten Berg der Welt standen, fühlten wir uns klein, glücklich und vollkommen erfüllt.
Wir verließen die Gemeinde Zaxizong und machten uns auf den Rückweg nach Shigatse. Die Straße wurde sandig und weich und schlängelte sich durch Dünen, die den Eindruck erweckten, als befänden wir uns in Dunhuang, einem kleinen Oasenort und einst wichtiger Halt auf der Seidenstraße. Sanfte Hügel aus goldenem Sand erstreckten sich neben uns – bis sie plötzlich schimmernden Feuchtgebieten Platz machten. Wir erfuhren, dass es sich einst um karge Dünen handelte, die durch jahrelange Naturschutzmaßnahmen langsam wieder zu üppigen Sümpfen geworden waren. Das Ergebnis? Ein atemberaubendes Mosaik aus Wüste und Wasser, wild und friedlich zugleich. Dann erreichten wir das Sakya-Kloster – und gerieten mitten in ein Fest. Es war tibetisches Neujahr, und die ganze Stadt hatte sich versammelt, um zu beten. Mönche sangen mit tiefen, klangvollen Stimmen und erfüllten die alten Hallen mit einem Summen, das in unserer Brust vibrierte. Seltene Schriften, die normalerweise verborgen gehalten werden, wurden hervorgeholt und in einem feierlichen Ritual unter den Mönchen weitergereicht. Wir standen inmitten der Einheimischen und wurden Zeugen einer Zeremonie, die nur wenige Außenstehende jemals zu sehen bekommen – ein lebendiger Segen für das kommende Jahr. Tag sechs: Sand in unseren Schuhen, Segen in unseren Herzen.
Wir fuhren von Shigatse zurück nach Lhasa. Dieselbe Straße, doch dieses Mal mit einem schweren Herzen – schwer vor Erinnerungen, aber gleichzeitig auch leicht vor Dankbarkeit. Sechs Tage. Keine lange Zeit, aber jeder Kilometer schenkte uns etwas: einen Gipfel, einen Gesang, eine Wüste, die sich in ein Feuchtgebiet verwandelte, das Lächeln eines Fremden. Tibet überraschte uns immer wieder aufs Neue. Als der Potala-Palast am Horizont auftauchte, wussten wir, dass uns diese Reise noch lange nach unserer Abreise begleiten würde. Kein Abschied. Nur das Ende einer Straße – und der Beginn vieler weiterer.